„Wenn sich zwei Monate wie ein halbes Jahr anfühlen, hast du alles richtig gemacht.“

Ich könnte auch sagen, dass ich alles richtig gemacht habe, wenn ich die Trauer beim Abschied spüre. Wenn ich nicht, wie sonst auch, wenn das Flugzeug abhebt, in völlige Freude verfalle, sondern in Gedanken versunken die letzten 60 Tage Revue passieren lasse. Die Gefühle sind mächtig und ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, mit welchem Thema ich anfangen soll.

Ich hatte in den 2 Monaten nicht ein einziges Mal Regen. Es waren immer zwischen 26 und 31 Grad Celsius, die sich sehr angenehm angefühlt haben. Krank bin ich, bis auf ein paar Tage leichter Magenverstimmung, auch nicht geworden. Das fällt auch schwer, bei all der guten Laune und der ständigen Sonne, die mir zulächelte. Ich habe gelernt, dem Leben Raum zu geben. Ohne Plan in den Tag zu starten und mich den Wellen und Strömungen hinzugeben, die mich abends immer an einen sicheren Ort (zurück)brachten. Es ist das unglaubliche Gefühl von Freiheit, gepaart mit einer unbeschreiblichen Sicherheit, dass trotzdem nichts schieflaufen wird. Dies durfte ich gleich am Anfang erfahren.

GANZ (UN)PLANMÄSSIG DURCH BALI

Zugegeben, ich fand Bali zu Beginn schrecklich, da mich diese totale Ausrichtung auf Touristen überhaupt nicht angesprochen hat. Es dauert eine Weile, bis man auf Bali ruhige Flecken findet, an denen die Natur noch mit kräftigen Farben erstrahlt und an denen man in Kontakt mit den Locals kommen kann. Das war nämlich immer das Schönste.

Zusammen mit Dustin (Kanadier), den ich in Thailand das erste Mal traf und mit dem ich zusammen einen Roadtrip durch Bali machen wollte, erreichte ich nach ein paar Tagen in Denpasar und Ubud das nordwestlich gelegene Amed. Direkt am ersten Abend lauschten wir der originalen Gamelanmusik eines Orchesters, bestehend aus Männern verschiedensten Alters. Eins führte zum andern und wir wurden zum Barracuda-Fischen am nächsten Morgen eingeladen. Ich werde diesen Morgen niemals vergessen, an dem wir zu dritt auf einem dieser superschmalen Fischerboote saßen, mit einem 15 Kilogramm schweren Barracuda am Haken, vor uns der stille Sonnenaufgang und hinter uns dieser mächtige Vulkan Mount Agung, der durch die morgendlichen Sonnenstrahlen golden glänzte – magisch und unvergesslich! Der Tag endete aber noch viel besser, als er begann. Wir wurden zum Abendbrot am Strand eingeladen, für das wir umgerechnet 6 Euro bezahlten. Es gab frisch gefangenen Thunfisch und viele Schalen mit Speisen, die ich zum ersten Mal probierte. Alles war total lecker. Und während der Vulkan nun von hinten in tiefem Rot angeleuchtet wurde, probierten wir Arak, den leckeren Schnaps der Locals.

Obwohl wir vorhatten, ganz Bali zu erkunden, änderten wir unseren Plan und wollten am nächsten Tag die Gili Inseln erkunden. Aus den 3 Tagen, die wir dafür ursprünglich planten, wurden dann ganze 3 Wochen, die wir dort und auf Lombok verbrachten. Wir wurden nämlich auf Gili Trawangan, als wir in einem der schönsten Hostels meiner bisherigen Reise unterkamen, von Dan eingeladen einen wahren Einblick in das Leben der Locals zu bekommen. Wir fuhren also zu einem versteckten Wasserfall im Norden Lomboks, aßen unsere Mahlzeiten mit Händen und Dan und ich besuchten ein typisch lokales Fitnessstudio, deren Besuch mich gerade mal 50 Cent kostete. Mit „typisch lokal“ meine ich, dass es von innen so aussah wie ein Fitnessstudio der 50er Jahre und dass die Geräte auch mindestens so alt waren. Nach dieser Zeit fuhren wir zu zweit weiter in den Süden, nach Kuta.

„Gib deinem Leben den Raum, den es benötigt, um dich Tag für Tag neu zu überraschen.“

DER SCHMUTZIGE GOLDGRÄBER

Auch dort spielte uns das Leben wieder die verrücktesten Geschichten zu. Wir lernten beim Abendessen einen Mann namens Benk kennen, der uns am nächsten Tag sein Goldgräbergeschäft zeigen wollte. Eigentlich war ich ganz heiß darauf, selber nach Gold zu suchen, doch dies sollte sich leider nicht ergeben. Dafür wurden wir wieder zum Abendbrot am Strand eingeladen (mit Benk und ein paar seiner Freunde) und gefragt, ob wir ein paar Mädels mitbringen könnten, damit es nicht so langweilig würde. Wir trafen tagsüber dann wirklich eine Gruppe von 5 Mädchen aus Deutschland, die ein Jahr in Australien verbracht hatten, und wir luden sie zur Strandparty ein. Als sie dann tatsächlich kamen, wurde es ein schöner Abend, an dem ich endlich mal wieder richtig viel Deutsch sprechen konnte. Dustin bekam sogar noch Besuch von einem Tinder-Date. Nach einer Weile jedoch zog Benk Dustin zur Seite und ich realisierte gar nicht sofort, was da passierte. Doch als Dustin zurückkam, erzählte er mir folgendes: Benk hätte ihm angeboten, die Mädchen mit zu sich nach Hause zu nehmen, nachdem sie so richtig besoffen waren. Er hätte gern ein Mädchen für jeden seiner Jungs und meinte, wir könnten sie zuerst haben. Ja! Ihr habt richtig gelesen. Er sprach von diesen Mädchen, als wären sie unser oder sein Eigentum und alles lief eigentlich nur darauf hinaus, dass die Indonesier Sex mit irgendwelchen Mädchen haben wollten. Dass die meisten von denen eine Ehefrau hatten, schien wohl das geringste Problem zu sein. Es war schockierend und erschütternd, wie zweiseitig Menschen sein können. Wir verabschiedeten uns bald und ich sorgte dafür, dass die Mädchen sicher in ihrem Hostel ankamen. Am nächsten Tag wollten wir nichts mehr mit Benk und seinen Leuten zu tun haben, auch wenn wir dadurch nicht sehen konnten, wie er das Gold extrahiert.

LEBEN IM JUNGEL

Da wir zwei Monate in Indonesien bleiben wollten, mussten wir bald unser Visum verlängern. Anstatt es, wie vorher geplant, in Bali verlängern zu lassen, entschieden wir uns für Mataram, die Hauptstadt Lomboks. Durch den Ramadan und die offiziellen Ferien in Indonesien war das Immigration Office allerdings bis kurz vor Ablauf unserer Visa geschlossen, was für ein Chaos. Wir verbrachten die Zeit, die wir warten mussten, noch einmal auf Gili T, eine Nacht auf Gili Air (diese Insel ist eher für Pärchen anstatt für Partyurlauber geeignet) sowie auf Lombok, wo wir über AirBnB ein Dschungel-Cottage fanden, das wir eine Woche lang bewohnten. Es war paradiesisch schön, und neben der Ruhe genossen wir auch die Anwesenheit eines sehr lieben Hundes und unserer Nachbarn, die Schwarzaffenfamilie. Am nahegelegenen, sehr bekannten Sengigi-Beach verbrachten wir ein paar Abende bei Live-Musik. Verrückt war der Abend, den wir in einer übergroßen Karaokebar begannen, in der wir die einzigen Gäste waren.

BALI, DIE ZWEITE

Als wir endlich unser Visum verlängert bekamen, kehrten wir etwas wehmütig, aber doch mit Vorfreude nach Bali zurück. Schon in der Fähre sahen wir die dicke Rauchwolke aus dem Vulkan Agung aufsteigen und konnten zuerst gar nicht glauben, dass er tatsächlich qualmte. So etwas in echt zu sehen, ließ mich einfach nur sprachlos staunen. Ich fühlte die pure Ehrfurcht!

In Amed warteten immer noch unsere Motorroller, die wir drei von vier Wochen nicht genutzt hatten. Von dem ruhigen Ort aus fuhren wir weiter die Nordküste entlang, um weitere Eindrücke von dieser Insel zu bekommen. Bali hat zwei komplett unterschiedliche Seiten, denn der Süden ist von Touristen nur so überlaufen, während wir im Norden noch auf die ursprüngliche Natur und „echte Locals“ trafen. Bali hatte uns doch noch überzeugt. Während ich die nächsten Tage für meinen Open-Water-Tauchkurs nutzte, fuhr Dustin durch Zentralbali und genoss die restliche Zeit in Canggu. Meine Empfehlung für Taucher ist definitiv Pemuteran und die Insel Menjangan im Nordwesten Balis, es lohnt sich sehr! Am Ende schaffte ich es tatsächlich, mit dem Roller einmal komplett um Bali zu fahren und traf Dustin in Canggu. Als er wenig später zurück nach Kanada flog, nahm ich noch die Fähre nach Lembongan, eine kleine Insel vor Nusa Penida, östlich von Bali, um dort 10 Tauchgänge zu absolvieren. Ich sah die so andersartige, aber anmutige Unterwasserwelt, gefährliche Feuerfische, süße Clownfische, einen der seltenen Mola Mola (Sonnenfisch) und die majestätischen Mantarochen, als sie über mich hinweg zu fliegen schienen – ein weiterer magischer Moment auf meiner Reise.

YOGYKARTA

Ich flog für meine letzten 6 Tage nach Yogyakarta, auf der am stärksten besiedelten Insel Indonesiens – Java. Und es hätte nicht schöner werden können. Zuerst kam ich in einem interessanten Hostel unter, dann nahm ich mir nochmal ein schönes Hotelzimmer als Abschluss meines so eindrucksvollen Aufenthalts. Auch wenn der Verkehr ungeheuerlichen Ausmaßes war und diese Großstadt stank und laut war und mich nicht wirklich überzeugte, fand ich es dort echt toll. Das lag wohl auch an dieser einen tollen indonesischen Frau, die ich traf. Sie war einfach zuckersüß und wir verstanden uns sehr gut. Mir wurde klar, dass eigentlich alles immer schöner ist, wenn man es mit einer Person teilen kann, die auf derselben Wellenlänge schwingt. Ich habe so viel gelacht, wie lange nicht und war überglücklich. Wir gingen ins Kino, tanzten in einem Club, besuchten einen kleinen Tempel und gewannen den Mega-Jackpot in einem der vielen Timezones. Yogyakarta verdankt dieser Dame, dass ich diese Stadt positiv in Erinnerung behalten werde.

So fiel mir der Abschied von ihr, dieser lebendigen Stadt und diesem Land nach dieser gefühlten Ewigkeit unbeschreiblich schwer, sodass ich das erste Mal auf meiner Reise bei einem Abschied meine Tränen nicht unterdrücken konnte. Vor allem aus dem Grund, dass man bei einer Reise wie meiner nie weiß, ob man die Menschen, die man kennenlernen durfte, irgendwann wiedersehen wird.

ZUSATZ: TIMEZONE?

Falls ihr euch fragt, was Timezone ist: Im Grunde ist das wie ein Jahrmarkt in einer Mall, nur 50 mal cooler. Mit einem Guthaben kann man viele verschiedene Spiele spielen, Tickets gewinnen und diese am Ende gegen Preise eintauschen. Die Spiele sind in jedem Timezone unterschiedlich. Zum Beispiel gibt es Bewegungsspiele wie Basketballkörbe werfen oder Bowling. Dann gibt es elektronische Spiele wie Flappybird, Autorennen oder Shooter. Und zuletzt gibt es Glücksspiele wie Glücksrad oder Deal-or-no-Deal. Man sollte definitiv zu zweit dorthin gehen, es verdoppelt den Spaß!

Indonesien – Das Land der 1000 Geschichten
5 (100%) 2 votes
TEILEN
Vorheriger ArtikelSim-Karte kaufen in der Mongolei: So bleibst du mobil im Internet!
Nächster ArtikelCreux du Van: Imposante Rundwanderung durch das Val de Travers
Ich heiße Martin, komme ursprünglich aus Cottbus, bin 28 Jahre alt und habe meinen Job als Grundschullehrer gekündigt, um durch die Welt zu reisen. 2014 habe ich mein erstes Buch "Das Seelenerbe" veröffentlicht und 2017 mein zweites, ein Kinderbuch - Stone Stories. Ich liebe das Schreiben von Geschichten, Gedanken und Erlebtem und erfreue mich an der Unterhaltung der Leser. Neben dem Schreiben liebe ich Sport in allen Varianten. Auf meinem Blog malebenleben.de erfährst du noch mehr über mich und meine Reisen.

HINTERLASSE EINEN KOMMENTAR

Please enter your comment!
Please enter your name here